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Florida und GothicCruise

Eine Hochzeit auf einer Gothic-Kreuzfahrt in der Karibik und ich bin Trauzeuge. Ein Erlebnisbericht aus Amerika

03.10.2011

Flug nach Miami

Der Wecker klingelte früh halb 5, das Taxi stand eine halbe Stunde später vor der Tür. Bereits während des ersten Fluges nach Düsseldorf hatte ich mich an das Leben über den Wolken gewöhnt. Das Umsteigen verlief reibungslos und der Spaß begann. Neben mir saß ein müder Typ mit schmutzigem T-Shirt. Als er sich auf amerikanisch über die schlechte deutsche Musik an Bord beschwerte, kamen wir ins Gespräch. Tyler aus Kalifornien hat mehrere Monate in England, Frankreich und Italien verbracht, sich mit Ersparnissen aus dem an der Westcoast legalen Mariuanha-Handel durchgeschlagen, seine Ukulele immer bei sich. Nach vielen Monaten ohne Fremdsprachkenntnisse unter Europäern war es leicht, mit ihm zu kommunizieren und so vergingen die 10 Stunden Flug nach Miami wie im ... ja Fluge. Ich lernte eine Menge Worte und Floskeln von ihm. Den Satz "Ich freue mich auf Miami" kann ich dank ihm nun mit "I can't wait to get off this fucking airplane" ausdrücken. Wir wollten den Rest des Tages in Miami verbringen, doch leider verlor sich unser Kontakt bei der Einreiseprozedur. Eine Stunde stand ich in der Warteschlange, um schließlich meine Fingerabdrücke abzugeben und dem Beamten den "Purpose of my Travel" zu erläutern.

Dann ging es hinaus ins 28 Grad warme Miami. Mein Versuch, das nahe des Flughafens gelegene Hotel zu Fuß zu erreichen, scheiterte kläglich. So ging es dann doch nur mit dem Taxi voran und die ersten 15 Dollar waren dahin. Nun hatte ich lediglich 7 Stunden auf die Ankunft meiner Freunde zu warten. Eigentlich kein Problem in einer Stadt wie Miami, sollte man meinen. Aber meine europäischen Vorstellungen wurden schnell zurechtgerückt. 6 Meilen von Downtown entfernt gab es nichts außer Straßen, Fastfoodrestaurants und floridatypisch einen Golfplatz. Der Rundgang entpuppte sich schnell als eintönig und so verbrachte ich doch einen Großteil des Abends vor dem Fernseher und vertiefte meine schlechten Englisch- und American-Football-Kenntnisse. Beim nahegelegenen Fastfoodrestaurant lernte ich, dass alle Preise netto ausgeschrieben werden. Gegen 22 Uhr trafen meine Freunde ein, nach innerer Uhr war es bereits 4 Uhr morgens und nach einem kleinen Snack ging dieser mit 30 Stunden längste Tag meines Lebens zu Ende.

Florida

Am nächsten Tag mieteten wir uns einen wirklich großen Wagen und fuhren an Floridas Westküste, doch nicht ohne zwischendurch an einer Bootsfahrt durch die Everglades teilzunehmen. Die folgenden Tage ging es weiter nach St. Petersburg, Tampa und schließlich Orlando, wo die Begrüßungsparty der Gothic-Cruise-Teilnehmer stattfinden sollte. Bis dahin war es eine endlose Fahrt durch Städte und Vorstädte, es gab keine sichtbaren Ortsgrenzen, die Küsten von Florida scheint nahezu komplett mit Straßenzügen zugepflastert zu sein. Motel reiht sich an Fastfoodrestaurant reiht sich an Supermarkt und an Autowerkstatt. Die einzigen Parks sind Golfplätze. Platz für Spaziergänge gibt es nirgends, ohne Auto geht nichts.

Um die Hochzeit anzumelden, besuchten wir in St. Petersburg eine amerikanische Behörde, auf der es trotz der Leibesvisitation am Eingang sehr freundlich zuging. Natürlich durfte auch dort, wie überall, der Fernseher im Wartebereich nicht fehlen. Über die Freundlichkeit der Amerikaner kann man wirklich nur staunen. Ich vermisse es in Deutschland, in einem Laden frendlich und ungezwungen empfangen zu werden oder vom Bäcker in ein kleines oberflächliches Gespräch verwickelt zu werden.

Das erste zauberhafte Erlebnis hatten wir wohl im Stadtzentrum von Tampa, wo sich Studenten im Schatten der Hochhäuser anlässlich des zehnten Jahrestages des Afghanistankrieges zum Protest zusammengefunden hatten und Musikbands in familiärer Athmosphäre auf einer Wiese vor dem Glazer Children's Museum spielten. Nach dem Besuch einiger Shopping-Malls, die nicht eindrucksvoller als die Dresdner Einkaufszentren waren, ging es nach Orlando zur letzten Übernachtung vor der Kreuzfahrt.

Gothic Cruise

Vom Hotel fuhren wir mit dem Shuttlebus nach Port Canaveral, wo unser Schiff, die Norwegian Sun, vor Anker lag. Obwohl wir nur ca. 80 Teilnehmer von insgesamt 2.000 Kreuzfahrtpassagieren waren, hatten wir die beste Lokalität, die Observation Lounge in der obersten Etage am Bug des Schiffes, für uns reserviert. So waren ein guter Ausblick und viel Unterhaltung perfekt verbunden.

Am ersten Abend wurden gleich eine Menge Bekanntschaften geschlossen und Alkohol, der für eine Stunde gratis war, konsumiert. Zu dem Zeitpunkt waren wir allerdings noch im seichten Hafengewässer unterwegs. Was uns spät Abends auf offener See erwartete, wusste da noch niemand, außer vielleicht der Besatzung, die aber zu Recht die Passagiere erst am nächsten Tag aufklärte. Wir gerieten in einen schwachen Hurrikan, der das Schiff über Stunden hinweg ordentlich durchschüttelte. Selbst erfahrene Kreuzfahrtteilnehmer konnten sich nicht erinnern, solche Wellengänge je erlebt zu haben. Für mich war das die erste Nacht auf einer Kreuzfahrt, na bravo. Meinen Mageninhalt konnte ich für mich behalten, aber die Nacht im schwankenden Bett kam einem fiebrigen Alptraum gleich. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich auch noch, das wären die normalen Verhältnisse einer Kreuzfahrt. Diese wurden erst in den Morgenstunden erträglicher, als wir die stürmischen Gewässer um Florida in Richtung Karibik verließen. Danach waren an Bord eine Menge heruntergefallenes und zerbrochenes Geschirr und Souveniere aus den Ladenregalen aufzuräumen. Dafür wurde das Konzert am nächsten Abend zu einem besonderen Erlebnis. An den immernoch ordentlichen Wellengang hatten wir uns inzwischen gewöhnt und so bauten wir auf der Tanzfläche die Schwankungen des Schiffes gekonnt in unsere Bewegungen ein, während der Sänger mit seiner Mikrofonständer um Balance bemüht war und der Keyboarder darüber lachte, dass er ab und an die Tasten nicht traf.

Und ohne unsere düsteren Konzerte und Partys der Verdammnis wäre die Kreuzfahrt einfach nur verdammt langweilig gewesen. Allein durch Bingospielen, Country-Konzerte und Geld im Casino verprassen wäre diese Woche wohl kaum zu ertragen. Bei den Zwischenstopps auf den Bahamas und St. Thomas musste man sich erst durch einen Markt voller Juweliere und Souveniershops durchkämpfen, bevor man etwas authentisches vom Inselleben sah. Great Stirrup Cay ist sogar eine eignens für die Kreuzfahrten umgestaltete Insel, auf der Strände angehäuft und kleine Erlebnisbereiche geschaffen wurden. Was für ein Käse, den Landgang habe ich mir erspart.

Überhaupt geisterte mir das Wort Dekadenz während der gesamten Kreuzfahrt im Kopf herum. Da lassen sich 2.000 wohlhabende Amerikaner und Europäer über das Meer schaukeln, von 1.000 billigen, überwiegend aus dem ostasiatischen Raum kommenden, Arbeitern das Geschirr abräumen, zweimal am Tag die Kabine aufhübschen und das Erbrochene wegwischen, während die westliche Wirtschaftsmacht allmählich vom chinesischen Drachen weggespült wird. Zumindest habe ich in der Bordbibliothek ein deutsches Buch gefunden, das genau diesen Prozess beschreibt - wenn das keine Ironie ist.

Egal, dafür waren die Sonnenuntergänge traumhaft und die kräftige Meeresbrise bei 28 Grad und 40 km/h Fahrtgeschwindigkeit half oft genug, diese Gedanken fortzuwehen. Darüber hinaus ist Puerto Rico ein zauberhaftes Land. Zumindest das Viertel um den Hafen war vielversprechend: Eine zum Museum ausgebaute Festung, dazwischen ein Institut für Neurobiologie, breite Fußwege, freundliche Menschen auf den von bunten Häusern bebauten Straßen, in der Ferne winkten Bilderbuchstrände mit breiten surferfreundlichen Wellen.

Die Gothic-Hochzeit fand an einem Tag ohne Landgang statt und war in schwarz-rot gehalten. Zum Gang vor den Altar ertönte Project Pitchforks "God wrote". Ohne Familie und endlos weit weg von zu Hause, war es dennoch wunderschön. Alle Cruise-Teilnehmer, die wir eine Woche vorher nicht einmal kannten, waren gerührt und beglückwünschten das Brautpaar aufs herzlichste. Zu verdanken hatten wir das auch dem charismatischen Priesterpaar, das die Zeremonie mit Würde und großen Worten leitete. Meine Rolle als Trauzeuge bestand lediglich aus Ringe halten und fotografieren. Am Abend wurde zum Hauptakt der Gothic-Cruise, dem Konzert von "God Module", kräftig gefeiert.

Miami

Miami bildete den Ausgangs- und Endpunkt der Reise. Zuletzt verbrachten wir 2 Nächte in einem etwas nobleren Hotel in Downtown. Man erkennt es auf Postkarten an der grünen Leuchtschrift. Das hatte den Vorteil, dass wir ohne Auto vieles erreichen konnten. Direkt über der Straße lag der Bayside Marketplace mit dem Hardrock Cafe. Für eine kostenlose Stadtrundfahrt hatten wir eine Haltestelle zum Inner Loop der Hochbahn vor der Haustür, die sogar durch einen Wolkenkratzer fährt. Die ebenfalls in der Nähe befindliche Basketballarena der Miami Heats war wegen des Spielerstreiks leider verwaist. Dafür gelang uns ein Fußmarsch über die MacArthur-Brücke, wo wir einen guten Blick auf die Skyline hatten. Am nächsten Tag fuhren wir nach Miami Beach, einem auf einer Insel vorgelagerten Stadtteil, wo ich das erste Bad meines Lebens im Atlantik nahm, interessanterweise nicht von der europäischen Küste aus. Viel Gesellschaft hatte ich dabei nicht, denn obwohl es sommerlich warm war, hatten wir 3 Tage bedeckten Himmel und viel Regenwetter. Zum Baden völlig ausreichend, aber nicht für die sonnenscheinverwöhnten Floridianer. Dieses bildete den Abschluss unserer Reise. Sie endete mit einem dank Jetstream nur 8,5-stündigen Fluges durch eine kurze Nacht, gefolgt vom Kälteschock in Deutschland und einem lang anhaltenden Jetlag.