Fremder in einer fremden Welt
Fakten
Robert A. Heinlein veröffentlichte den Science-Fiction-Roman
Fremder in einer fremden Welt 1961 und damit zwei Jahre nach seinem berühmten Roman Starship Troopers. 1991, drei Jahre nach seinem Tod,
wird die ungekürzte Fassung veröffentlicht. Auf letzteres beziehen sich meine Ausführungen, die mir in erster Linie als Erinnerung daran dienen
und nicht gelesen werden sollten, wenn man noch vor hat, das Buch zu lesen, da sie viele Aspekte der Geschichte vorweg nehmen.
Handlung
Valentine Michael Smith (auch kurz Mike genannt) ist als Sohn menschlicher Raumforscher auf dem Mars geboren und von Marsianern aufgezogen worden. Der Roman erzählt, wie er zu Erde kommt
um nach und nach die menschliche Gesellschaft kennenzulernen. Dabei beginnt das Buch harmlos und fast ein wenig langweilig, einer Detektivgeschichte gleichend,
um den von der Öffentlichkeit abgeschirmten Mann vom Mars Michael, der in einem Krankenhaus bewacht wird, der Krankenschwester Gillian,
die zufällig Zugang zu ihm erhält und ihrem Freund Ban Craxton, einem Journalisten, der seine Chance auf eine große Story wittert.
Doch dominiert werden sie - ja, auch der Marsianer - recht bald von Heinleins Alter Ego, Jubal Harshaw, einem zynischen Schriftsteller, Arzt und Anwalt,
der sie nach ihrer Flucht auf seinem reichen Anwesen aufnimmt, das von drei gewitzten Assistentinnen geführt wird. Seine Plaudereien spiegeln die Meinungen des Autors zu
nahezu jedem Thema wieder: Politik, Kunst, Religion, Geld, Partnerschaft, für seine Ausschweifungen lässt man die eigentliche Geschichte gerne ein wenig warten. Hier einige Beispiele:
(zu Gillian)"Setzen Sie sich - und versuchen Sie nicht so ekelhaft zu sein wie ich; Ihnen fehlt meine jahrelange Übung. Sie können unmöglich in meiner Schuld stehen, weil ich nie etwas tue, was ich
nicht tun möchte. Das tut niemand, aber in meinem Fall ist es so, dass ich es weiß. Deshalb, bitte, erfinden Sie keine Schuld, die nicht existiert, denn sonst werden
Sie als Nächstes versuchen, Dankbarkeit zu empfinden - und das ist der heimtückische erste Schritt zum vollständigen moralischen Absinken. Groken Sie das?"
Jill biss sich auf die Lippe, dann grinste Sie: "Ich bin mir nicht sicher, was 'Groken' bedeutet."
"Ich auch nicht. Ich beabsichtige weiter, bei Mike Unterricht zu nehmen, bis ich es weiß. Aber was ich gesagt habe, war ernst gemeint. 'Dankbarkeit' ist ein Euphemismus für Groll. Bei
den meisten Menschen, macht es mir nichts aus, wenn sie mir grollen, nur wenn hübsche kleine Mädchen es tun, ist es scheußlich."
"Ich grolle Ihnen doch nicht, Jubal, das ist töricht."
"Ich hoffe, Sie tun es nicht ... aber Sie werden es tun, wenn Sie aus Ihrem Gehirn diese Täuschung nicht ausrotten, Sie stünden in meiner Schuld. Die Japaner haben
fünf Möglichkeiten, 'Danke' zu sagen und jede kann mit Groll in verschiedenen Abstufungen übersetzt werden. Ich wollte, Englisch hätte die gleiche eingebaute Ehrlichkeit! Stattdessen
kann die englische Sprache Gefühle definieren, die zu erleben das menschliche Nervensystem nicht fähig ist. Zum Beispiel 'Dankbarkeit'."
(im Gespräch mit Ben Caxton über Kunst)"Weil die Welt verrückt geworden ist und die Kunst immer den Geist ihrer Zeit darstellt. [...] Rodan starb um die Zeit,
als die Welt ihren Deckel zu sprengen begann ... und die Kunst mit ihm. Seine Nachfolger bemerkten die erstaunlichen Dinge, die er mit Licht und Schatten und Masse und Komposition
angestellt hatte, und kopierten diesen Teil. Was sie nicht sahen, war, dass der Meister Geschichten erzählte, die das menschliche Herz bloßlegen. Ihnen ging es bloß um
Abstraktionen. Sie wagten es nicht mehr, irgendetwas zu malen oder zu formen, das die menschliche Welt so darstellte wie sie wirklich war."
Jubal zuckte die Achseln.
"Ein abstraktes Design ist schön und gut - für Tapeten und Linoleum. Aber Kunst ist der Prozess des Erweckens von Mitleid und Entsetzen. Das ist nicht abstrakt, sondern menschlich.
Was moderne Künstler tun, ist pseudointellektuelles Masturbieren. Kreative Kunst ist eine Art von gegenseitigem Austausch. Der Künstler muss sein Publikum jedes Mal
von neuem verführen - er muss Gefühle enfangen und vermitteln. Diese Bürschchen, die sich dazu nicht herablassen wollen - oder können -, haben ihr Publikum verloren.
Wenn sie nicht ständig um Subventionen gebettelt hätten, wären sie entweder verhungert oder hätten eine anständige Arbeit annehmen müssen. [...] Die meisten dieser
Clowns wollen gar keine Sprache benutzen, die du und ich lernen können. Sie möchten sich lieber darüber lustig machen, dass wir unfähig sind zu erkennen, was sie aussagen wollen.
Falls sie etwas aussagen wollen. Unverständlichkeit ist die Zuflucht der Unfähigen."
Sprache formt Wahrnehmung
Der Mann vom Mars ist nach unserem Verständnis übernatürlich begabt. Er beherrscht Telekinese, Teleportation, Telepathie, kann seinen Körper heilen oder verändern und
Gegenstände und Menschen verschwinden lassen. Für ihn sind das normale Vorgänge und er begreift erst spät, dass Menschen dazu nicht in der Lage sind. Erst als es ihm gelingt, anderen
Menschen Grundzüge der marsianischen Sprache beizubringen, erlangen auch diese nach und nach seine Fähigkeiten.
In der Linguistik gibt es die Sapir-Whorf-Hypothese, die besagt, dass unsere
Sprache unser Denken, und gegebenenfalls auch Handeln, bestimmt. Ein eindrucksvolles Beispiel sind die Aborigines, deren Sprache keine Wörter für Links und Rechts, Vorn und Hinten
bietet. Sie drücken relative Positionen stets in Himmelsrichtungen aus, was sie dazu zwingt, sich ständig orientieren zu müssen, um mit anderen kommunizieren zu können.
Heinlein geht weiter. Die marsianische Sprache, in der allein 80 Buchstaben benötigt werden, um alle phonetischen Laute darzustellen, prägt den Charakter des Menschen, der sie lernt.
Sie macht ihn zu einem friedfertigen, von Liebe erfüllten, fast göttlichen Wesen, das all die Macht, die es besitzt doch nur für gute Zwecke gebrauchen kann.
Dabei erweisen sich ohnehin besonders bescheidene, gutherzige, nahezu naive Menschen am Rande der Gesellschaft als am geeignetsten, diese Sprache zu lernen, wie die Krankenschwester Gillian und Patricia,
die tätowierte Lady einer Freakshow. Die einzige Vokabel, die der Leser kennenlernt ist groken, was soviel bedeutet wie 'trinken', 'etwas in sich aufnehmen' oder 'etwas in seiner ganzen Fülle verstehen'.
Der Weg zum Marsianer
Marsianer lachen nicht
Die Tatsache, dass Mike nicht laut lachen kann, sondern lediglich lächelt, wird zunächst als kleine Eigenart abgetan,
hervorgerufen durch die komplett andere Physiologie der Marsianer, die ihn aufzogen. Doch nachdem Mike genug Zeit unter Menschen verbracht hat, um sie besser
zu 'groken', erfahren wir den wahren Grund. Lautes Lachen ist falsch, Menschen tun es selten aus einem guten Grund. Jubal, der Mike eine Definition des Menschen
zu geben versucht, sagt irgendwann: "Der Mensch ist das Tier, das lacht".
Der Mensch lacht laut, um seinem Gegenüber Interesse zu heucheln oder aus Stolz einen derben Witz verstanden zu haben. Am häufigsten lacht er über die ungewolllten
oder inszenierten Missgeschicke anderer. Ich habe versucht, weniger zu lachen, aber es ist schwierig. Und dann sind da noch der Dalai Lama und verschiedene von Weisheit
befallene indische Gruppierungen, die gerne herzhaft lachen, das wirkt allerdings ein wenig erzwungen. Und auf die ach so tollen 200 Muskeln, die beim Lachen
aktiviert werden, können wir sicher auch noch verzichten. Also weniger lachen und mehr lächeln!
Marsianer begrüßen und verabschieden sich nicht
Finde ich gut. Wenn ich das mache, ernte ich nur Unverständis. Dabei sind es wirklich unnötige Verhaltensweisen, besonders was Handschlagsrituale im Büro
oder, noch schlimmer, Mahlzeit-Zurufe betrifft.
Marsianer fürchten den Tod nicht
Sie können ihre Dekarnation sogar selbst herbeiführen und lassen ihren Körper im Anschluss von Angehörigen verspeisen. Sie sehen den Körper als das was er ist -
ein Behältnis für ihren jungen Geist. Der menschliche Marsianer Mike kennt keine Scham und nutzt ausgiebig seine Körperfunktionen.
Marsianer haben keinen Sexualtrieb
Auf dem Mars gibt es kein Geld, keine Macht, keine Kunst. Alles was die Marsianer tun, ist, in innerer Ausgeglichenheit zu leben, mit Hilfe ihrer geisterhaften Ahnung nach
Weisheit zu streben und gelegentlich Dinge verschwinden zu lassen, die ihnen falsch erscheinen. Mike erklärt, dass bei seinem Volk der Akt der Vermehrung und der des
Zusammenwachsens völlig verschiedene Vorgänge sind. Er bewundert die menschliche Natur um diese Fähigkeit. Was er aber anfangs nicht versteht, ist dass daraus auch die
Probleme der Menschheit erwachsen. Harshaw Jubal erkennt, dass für eine Gesellschaft ohne den animalischen Trieb zur Fortpflanzung Besitztum, technischer Fortschritt und Kunst
ohne Bedeutung sind. Alles was wir tun und was wir je geschaffen oder bekämpft und zerstört haben geschah im Wettbewerb um die Gunst des anderen Geschlechts.