Hyperion und Endymion
Fakten
Dan Simmons veröffentlichte die beiden Romane Hyperion und der Sturz von Hyperion zwischen 1989 bis 1990. Beide Romane sind in dem Buch Die Hyperion-Gesänge erhältlich. Die Fortsetzung Endymion (1996-1997) enthält die beiden Romane Endymion - Pforten der Zeit und Endymion - Die Auferstehung. Simmons erhielt dafür den 1990 den Hugo-Award sowie 1990, 1991 und 1998 den Locus-Award. Beides zählt zu den wichtigsten Preisen, die für Science-Fiction-Literatur vergeben werden.
Die Hyperion-Gesänge
Sechs Geschichten sind es, durch die man sich während der ersten Hälfte des ersten Bandes kämpfen muss. Aber für den weiteren Weg sind sie unverzichtbar. Vor drei Jahren beging ich den Fehler, nach der ersten Geschichte das Buch wegzulegen. Ich lese gerne Sci-Fi, aber dies war mir zu fantastisch. Ich wollte es lieber düster und nicht bunt, keine Flammenwälder, keine Saurier und keine Baumschiffe (ja, Baumschiffe!). Außerdem verstand ich die Hälfte von dem, was ich las, nicht. Aber das war Absicht ...
Als ich in einem langweiligen Moment vor einem halben Jahr das Buch erneut zu Hand nahm, um eine weitere Geschichte, zu lesen, war ich hin und weg. Es war die Geschichte des Dichters, düster, dreckig, vulgär, sarkastisch. Eine völlig andere Sprache als in der ersten Geschichte des Priesters. Hier bekam ich eine erste Vorstellung des Hyperion-Universums. Von Planeten, die hochtechnisiert sind, in denen Gebäude schwerelos in der Atmosphäre schweben, während die Menschen rücksichtlos Profit und Informationen hinterherjagen. Andere Planeten, die nicht vollständig terraformt werden konnten, so dass zu früh angesiedelte Menschenmassen im Schlamm zu Regionen kriechen, in denen die Luft frei von Giftstoffen ist.
Der Soldat und der Konsul geben in ihren Geschichten Auskunft über die Politik und Kriege dieser Welt, während erst in der Geschichte der Privatdetektivin die Bedeutung der Farcasterportale deutlich wird, die im weiteren Verlauf eine wichtige Rolle spielen werden.
Nachdem diese Geschichten vorrüber sind, kennt man diese Welt, man denkt sogar in ihr. Diese Welt ist fantastisch und brutal und wunderschön zugleich. Diese Welt ist unsere Zukunft nachdem die KI-Singularität, der Moment, ab dem nur noch künstliche Intelligenzen die techologische Entwicklung antreiben, erreicht wird. Sie führt die Menschheit in die Weiten der Galaxis, - zu unendlich schöne Orten, unvorstellbaren Möglichkeiten, doch ebenso in die Abhängigkeit der Technologie und zur Passivität verdammt.
Diese Menschen sind wie wir: Sie sind überfordert von all der Komplexität, all den Informationen und Möglichkeiten. Das meiste verstehen sie nicht mehr. Sie versuchen, ihren Platz zu finden, werden jedoch ständig getrieben. Von Farcasterportalen, die sie mit einem Schritt aus der Großstadt auf einen Arktisplaneten werfen oder durch Raumschiffe, auf denen sie monatelanger Kälteschlaf erwartet, ohne zu wissen, wie die Welt nach dieser Zeitspanne aussehen wird.
Das Ende stellte alles in den Schatten, was mein begrenztes Literaturleben bis dahin erfahren hat.
Endymion
Hat Dan Simmons gewusst, dass er sieben Jahre später alle offenen Fragen des ersten Epos auflösen wird? Er tut dies, verknüpft mit einer im Vergleich zu Hyperion geradlinigen aber unglaublich intensiven Geschichte um Raul Endymion, der beauftragt wird, ein Mädchen vor den Mächten der neu erstarkten christlichen Kirche zu retten.
Diese stand im ersten Band kurz vor ihrem Ende und hatte trotz des zukunftsweisenden Einflusses von St. Teilhard nur noch wenige Anhänger. Doch nach 300 Jahren ist sie zu einer alten Stärke zurückgelangt, die bis in die letzten Winkel des Universums reicht. Eine völlig neues Kräfteverhältnis und dennoch unter Einfluss früherer Mächte.
Diese Buch zu beschreiben, ist mir unmöglich. Alles steht unter dem immensen Eindruck des Endes, dass ich unter keinen Umständen auch nur annähernd preisgeben möchte. Dan Simmons hat mich erwischt. Er hat (vermutlich nicht nur) meine sensibelsten Punkte angesprochen und mich verändert. Habe ich Büchern vorher nie viel abgewinnen können, so hat sich das grundlegend geändert. Beide Bücher, Hyperion und Endymion, ließen mich die Schönheit der Welt neu erfahren und werden nie in Vergessenheit geraten.
Verfilmung
Die Verfilmung ist angeblich in Arbeit und ich will es mir nicht vorstellen. So muss sich ein Herr-der-Ringe-Fan gefühlt haben, als Hollywood seiner Bibel ans Leder wollte. Aber während Peter Jackson ein echter Fan war, dessen Liebe man in jeder Filmminute klar spürt, hört man nun etwas von Scott Derrickson als Hyperion-Regisseur. Das ist der Typ, der "Der Tag, an dem die Erde stillstand" verzapft hat. Ich habe große Sorge! Erträglich wäre die Vorstellung allerdings, wenn sie die Finger von Endymion ließen. Ich hoffe, das werden sie, denn ich werde es kaum schaffen, diese Filme nicht sehen zu wollen, auch wenn sie mich damit meiner sämtlichen Vorstellungen und Fantasien berauben. Oder wenn schon, dann bestimme ich die Besetzung. Hier mein erster Vorschlag:
Endymion und Project Pitchfork
Kurze Warnung, hierfür muss man etwas bekloppt sein: Der Grund, warum ich bisher Filmen vor Büchern den Vorzug gegeben habe, war nicht zuletzt der der musikalischen Untermalung. Nun hat sich aber herausgestellt, dass auch Bücher einen Soundtrack haben können, wenn auch einen sehr persönlichen. Meiner ist das "Dream Tiresias"-Albums von Project Pitchfork (siehe meinen Artikel). Passion liefert die Romantik, Your God ist eine fantastische Untermalung der mit kalter technologie durchgeführten inquisitorischen Maßnahmen des Pax. Full Of Life und Feel finden ihre Entsprechungen ebenfalls, aber ideal zu einem fiktiven Endymion-Trailer würde der Song An End passen. Dieses Buch und die Musik bilden eine philosophische und kreative Einheit, von mythologischen Einflüssen bis hin zur Noosphäre, dem großen Weltgeist. Macht euch nichts daraus, es steckt nur in meinem Kopf fest ...
Hyperion und Avatar
22.12.2009
Nein, es ist nicht das Shrike, der Herr der Schmerzen oder auch Avatar genannt, gemeint. Kaum schlage ich nach, was Avatar eigentlich bedeutet, kommt schon ein Film namens Avatar - Aufbruch nach Pandora ins Kino, der Hoffnung auf zukünftige Großprojekte macht. Sollte die Verfilmung von Hyperion also unumgänglich sein, dann bitte ich hiermit den Regisseur James Cameron darum, sich erneut 12 Jahre Zeit zu nehmen und dann sein nächstes Meisterwerk zu veröffentlichen. Zumindest visuell wäre das sicherlich in Augenschmaus.
In Avatar sah ich die Welten Hyperions, in erster Linie God's Grove und den Weltenbaum der Tempelritter, die Orbitalwälder der Ousters und Ansätze von Whirl und seinen Zeplins. Aber um die Komplexität der Story einzubringen, braucht es dann wohl doch eher einen Zack Snyder. Wo ich seine Filmografie gerade sehe: Der hat ausschließlich gute Filme gemacht, wäre also perfekt für Hyperion geeignet.
Ilium und Olympos im Vergleich zu Hyperion
21.05.2010
Mit dem zweiten großen Science-Fiction-Epos von Dan Simmons bin ich durch. Er besteht aus den beiden Büchern Ilium und Olympos. Er kommt bei weitem nicht an die Hyperion-Gesänge heran. Der erste Teil ist total bizarr zwischen brutalem Trojanischem Krieg, menschelnden Robotern vom Jupiter und schafzahmen Menschen auf einer wiedererblühten postapokalyptischen Erde. Erst im zweiten Teil werden die Geschichten miteinander verwoben und man beginnt so langsam, Sympathie für die Protagonisten zu empfinden. Bis dahin ist es zwar spannend aber die beständige Schilderung des sinnlosen Abschlachtens auf dem trojanischen Schlachtfeldern sind an der Grenze des Erträglichen. Es fehlt die dem entgegengesetzte Schönheit, die Hyperion so unvergesslich machte.
Besonders interessant sind aber die Gemeinsamkeiten beider großen Romane, die so deutlich auf gewisse Vorlieben des Autors hindeuten, dass man ein psychologisches Profil über ihn erstellen möchte. Die folgende Liste beleuchtet gemeinsame Aspekte der Ilium-Olympos- und Hyperion-Endymion Romane, wobei es schwierig ist, nicht zu genau ins Detail zu gehen, um nicht zu spoilern.
Die Noosphäre, ein von dem Theologen und Philosophen Pierre Teilhard de Chardin geprägter Begriff für die Phase der geistigen Entwicklung, in dem die Menschheit zu einem großen Geist zusammenwächst (und sich theologisch damit auch mit Jesus Christus vereint), spielt eine wesentlichen Rolle. Sie tritt z.B. in einem allumfassenden Internet der Zukunft zutage, das sich in Proxnet, Farnet und Allnet aufteilt. Bei Hyperion ist es die Datensphäre und de Chardin wird von der zukünftigen christlichen Kirche sogar als St. Teilhardt verehrt.
Der Tod spielt eine neue Rolle. Sowohl die Altmenschen als auch die Götter werden wiedergeboren oder regeneriert. Dieselben Möglichkeiten gibt es bei Endymion unter den Anhängern des Pax. In beiden Fällen ist dies nicht lediglich ein Ergebnis des technischen Fortschritts sondern geschieht mit einer gewissen Absicht höherer Mächte.
Die Zeks bzw. KGM (kleine grüne Männchen) vom Mars sind das Produkt eines zwischenzeitlich gescheiterten Versuchs, genetische Manipulationen an Menschen vorzunehmen. In Hyperion sind es die Bikura, die fast dieselbe Rolle einnehmen.
In beiden Epen kommt eine Seilbahn vor, einmal so groß, dass sie ein Gebirge überwindet, einmal überspannt sie sogar die ganze Erde. Trotz Raumschiffen, Portalen und hochentwickelter Ingenieurskunst handelt es sich dabei zwar um ein überdimensioniertes Konstrukt, dass aber dennoch nur langsam knarrende Kabinen bewegt. Beide Male dauert die Fahrt damit über einen Tag und bildet zur übrigen Utopie einen schroffen Gegensatz.
Harman wird nach seinem Aufenthalt im Tank der Bibliothek von seinem erworbenen Wissen überwältigt und kann erst nach vielen Tagen seinen Gedanken einigermaßen ordnen. Unter anderem fällt ihm der Ausruf Kwatz ein, der, wie er weiß, von Zen-Lehrmeistern benutzt wird um dumme Schüler zu erschrecken. Dasselbe Wort entfährt bei Hyperion der mächtigen KI Ummon, wenn eine menschliche Frage ihn belustigt oder erzürnt. Ummon selbst ist nach einem Zenmeister des 10. Jahrhunderts benannt.