Solaris
Wir brechen in den Kosmos auf, wir sind auf alles vorbereitet, das heißt, auf die Einsamkeit, auf den Kampf, auf Martyrium und Tod.
Aus Bescheidenheit sprechen wir es nicht laut aus, aber wir denken uns manchmal, dass wir großartig sind.
Indessen, indessen ist das nicht alles, und unsere Bereitschaft erweist sich als Theater.
Wir wollen gar nicht den Kosmos erobern, wir wollen nur die Erde bis an seine Grenzen erweitern.
Die einen Planeten haben voll Wüste zu sein, wie die Sahara, die anderen eisig wie der Pol oder tropisch wie der brasilianische Urwald.
[...]
Menschen suchen wir, niemanden sonst. Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen Spiegel.
Mit anderen Welten wissen wir nichts anzufangen. Es genügt unsere eine, und schon ersticken wir an ihr.
[...]
Das, was wir gewollt haben: der Kontakt mit einer anderen Zivilisation. Da haben wir den Kontakt!
Übersteigert, wie unter dem Mikroskop - unsere eigene monströse Hässlichkeit, unsere Albernheit und Schande.
Die Worte werden von Dr. Snaut ausgesprochen, der vor zwei Jahren vermutlich als überzeuter Wissenschaftler nach Solaris kam.
Doch seit seiner Ankunft hat sich viel verändert, was nun auch der Psychologe Kris Kelvin als Neuankömmling
feststellen muss.
Die Handlung ist aus dem Film von Steven Soderbergh weitgehend bekannt. Dieser interpretierte den Roman
von Stanislav Lem als Liebesgeschichte und beraubte ihm damit seiner Grundlage. Die erste Verfilmung von Andrej Tarkowski
von 1972 mochte Lem auch nicht, obwohl diese weitaus philosophischer daher kam.
Wer einige Lem-Geschichten gelesen hat, weiß, dass Frauen bei ihm nie eine große Rolle spielten.
Solaris handelt von der menschlichen Forschung, oder besser gesagt unserem oft vergeblichen Versuch,
die Komplexität der Welt zu erfassen, indem wir alles in bewährte Schablonen übertragen. Während wir in seltenen
Momenten erkenntnisübergreifende Entdeckungen machen, haben wir doch die meiste Zeit mit unserem genetischen
Erbe zu kämpfen.
Endlos lang führt Lems Protagonist Ergebnisse aus 100 Jahren Solarisforschung auf und beschreibt die verschiedenen Theorien,
niedergeschrieben in unzähligen Büchern.
Keine führt zu einem befriedigenden Ergebnis. Solaris reagiert nie vorhersehbar auf die Forschungsexperimente und offenbart
seine geistige Tätigkeit lediglich in (natürlich durch die Menschen klassifizierten) abstrakten wandelbaren Skulpturen,
die an der Oberfläche des Ozeans entstehen und nach wenigen Stunden wieder verschwinden.
Bis die Forschungsstation direkt auf der Oberfläche des Planeten errichtet wurde.
Auf ihr kommt es nun zu der bekannten Interaktionen zwischen Menschen und Solaris.
Die Bewohner der Station verlieren aufgrund der Ereignisse ihren objektiven Blick und die Fähigkeit,
pragmatische Entscheidungen zu treffen. Sie sind bemüht, ihrer Arbeit nachzugehen, doch tappen orientierungslos wie vom
Kollektiv getrennte Ameisen durch das Dunkel ihrer Psyche.
Kris Kelvin, das neueste Besatzungsmitglied, bemüht sich, eine Balance zwischen Wissenschaft
und seinen Gefühlen für die Nachbildung seiner Frau Harey zu finden. Dass ihre Zellen unter dem Mikroskop eindeutig belegen,
dass sie nicht menschlich ist, können seine Schuldgefühle gegenüber der echten toten Harey nicht verdrängen. Die Tatsache, dass
er ihre erste Erscheinung im Schockzustand in einer Rakete im Weltraum ausgesetzte, macht die Situation nicht erträglicher.
Als er mit Dr. Snaut über den Selbstmordversuch der zweiten Nachbildung sowie ihren zunehmendem Bewusstseinszustand redet,
treten die moralischen Konflikte zu Tage:
"Versteht sich, es ist ihr nicht gelungen - Jedenfall weiß sie, wer sie ist.[...]
- Sie weiß alles?
- Ja, das habe ich dir schon gesagt.
- Alles? Auch, dass sie schon einmal hier war, und daß du ...
- Nein!
Er lächelte.
- Kelvin, hör mal, wenn das bis zu diesem Grad ... was hast du eigentlich vor? Die Station zu verlassen?
- Ja.
- Mit ihr?
- Ja.
[...]
- Ausgezeichnet. Was schaust du so? Hast du gedacht, ich könnte mich dir in den Weg stellen? Du wirst es machen, wie du
willst, mein Lieber. Schön würden wir aussehen, wenn wir zu allem Überfluß nach anfingen, hier Zwang anzuwenden! Ich habe
nicht vor, dich zu überreden, nur so viel sage ich dir: Du versuchst dich in einer unmenschlichen Situation wie ein
Mensch zu benehmen. [...] Du verzichtest auf weitere Experimente, willst fortgehen und die Deinige mitnehmen. Stimmt's?
- Ja.
- Aber das ist auch ein ... Experiment. Nicht wahr?
- Wie meinst du das? Wird sie ... können ...? Wenn sie mit mir zusammen ist, sehe ich nichts, was ... ?
Ich sprach immer langsamer bis ich verstummte. Snaut seufzte leicht.
[...]
- Ja - sagte ich langsam. - Wenn es äußerlich ist, wird sie ... wird so ein ...
- Wird bei Enfernung von der Solaris das Gefüge zerfallen - endigte er an meiner statt. - Vorhersehen können wir das nicht,
aber du hast ja das Experiment schon durchgeführt. Die kleine Rakete, die du abgeschossen hast. [...] Du kannst ausfliegen,
in die Bahn einschwenken, dich nähern und feststellen, was aus dem ... Fahrgast geworden ist ...
- Du bist verrückt! - zischte ich.
- Findest du? So ... und wenn wir ... sie kommen ließen, diese Rakete? Das lässt sich machen. Sie ist ferngesteuert.
Wir holen sie von der Bahn und ...
- Hör auf!
- Auch nicht? Dann gibt es noch eine Möglichkeit, sehr einfach. Die Rakete muss nicht einmal in der Station landen.
Soll sie nur weiterkreisen. Wir verbinden uns nur per Funk mit ihr; wenn die drinnen noch lebt, meldet sie sich und ...
- Aber ... aber dort ist längst der Sauerstoff aus! - stammelte ich ...
- Vielleicht kommt sie ohne Sauerstoff aus. Also, versuchen wir's?
- Snaut ... Snaut ...
- Kelvin ... Kelvin ... spottete er mir zornig nach. - Überleg doch, was bis du für ein Mensch? Wen willst du beglücken?
Erlösen? Dich? Sie? Welche? Die oder die andere? Für beide reicht dir schon nicht mehr der Mut?
Du siehst selbst, wohin das führt! Ich sage dir zum letzten Mal: das hier, das ist eine außermoralische Situation.
[...]
- Also was willst du von mir? Daß ich sie ... daß ich sie beseitige? Ich habe dich schon gefragt: Wozu sollte ich das tun?
Du hast nicht geantwortet.
- Dann antworte ich dir jetzt. Ich habe dich zu diesem Gespräch nicht eingeladen.
Ich habe nicht an deine Angelegenheiten gerührt. Ich gebiete dir nichts und ich verbiete dir auch nichts, und ich täte es nicht,
selbst wenn ich könnte. Du, du bist hergekommen und hast alles vor mit ausgebreitet, und weißt du, warum? Nein?
Um das loszuwerden. Von dir abzuwälzen. Ich kenne diese Last, mein Lieber! Ja, ja, unterbrich mich nicht! Ich hindere dich
an nichts, du aber, du willst, dass ich dich behindern soll. Wollte ich dir den Weg vertreten, so schlügest du mir vielleicht
den Schädel ein, dann hättest du mit mir zu tun, mit einem, der aus ebensolchem Lehm und Blut geknetet ist wie du,
und selbst könntest du dich wie ein Mensch fühlen. So aber ... kannst du damit nicht fertig werden, und deshalb diskutierst
du mit mir ... aber eigentlich mit dir selbst! Jetzt sag mir nur noch, du würdest dich krümmen vor Leid, wenn sie
plötzlich verschwände, nein, sag gar nichts."
Um die unvorstellbare bedrückende Situation, in der sich beide Männer befinden, noch zu intensivieren, endet das Gepräch auf folgende Weise:
Ich schaute Snaut an. Seine linke Hand war wie von ungefähr hinter der Schranktür verborgen. Wann war die aufgesprungen?
Wohl vor ziemlich langer Zeit, aber in der Hitze dieses für mich gräßlichen Gesprächs hatte ich das nicht beachtet.
Wie unnatürlich das aussah ... So, als ... versteckte er etwas dort. Oder als hielte ihn jemand bei der Hand.
Ich leckte mir dir Lippen.
- Snaut, was treibst du? ...
- Geh hinaus - sagte er leise, sehr ruhig. - Geh.
Im letzten roten Widerschein ging ich fort und schloß die Tür hinter mir. Harey saß auf dem Fußboden, etwas zehn Schritte
weiter, an der Wand.

Auch Snaut wird von der Fleischwerdung seiner Dämonen geplagt, und zwar, wie er erklärt, nicht durch ein Trauma
aus seinem früheren Leben, sondern einer Fantasie, die sich ebenso fest in seinen Geist einbrannt hat,
wie Kelvins Schuldgefühle am Tod seiner Frau. Er behauptet dann auch, dass er sich in der schlimmeren Situation befände.
Der Planet finde diese, wie Snaut sagt, geschlossenen und unterdrückten Entzündungsherde im Gehirn und nutze sie
als Anleitung für seine Materialisierungen. Ob absichtlich oder nicht, ob als Waffe oder Kontaktaufnahme,
dazu haben Snaut und Kelvin schließlich eine ganz eigene Theorie:
Und vielleicht ist die Solaris eben diese Wiege deines göttlichen Säuglings - knüpfte Snaut an. Ein immer deutlicheres
Lächeln umrahmte seine Augen mit feinen Falten. - Vielleicht ist gerade er nach deinem Dafürhalten die Urform, der Keim
des Gottes der Verzweiflung, vielleicht übertrifft seine vitale Kindlichkeit noch berghoch seine Intelligenz und das
alles, was unsere solaristischen Bibliotheken enthalten, das ist bloß ein großer Katalog seiner Säuglingsreflexe.
Ein Erkenntnisgewinn, der, gemeinsam mit den Erlebnissen, eine Kluft zwischen den Forschern der Solarisstation
und der übrigen Menschheit entstehen lassen wird, doch das ist nicht mehr Teil der Geschichte.